Wintersemester 2008/2009

Zunächst ein Nachtrag: Dass es derzeit zum so genannten Finanzcrash kommt, ist nicht der prophetischen Gabe der Reihe Hochschule – Politik – Gesellschaft des letzten Semesters geschuldet. Hier werden keine „self-fulfilling prophecies“ verhandelt. Vielmehr zeigt dieses wie auch viele andere Themen zuvor, dass die Reihe in ihrem Bemühen, Themen von verdeckter oder offenkundiger Aktualität im akademischen Diskurs zu drehen und zu wenden, nicht immer daneben gelegen hat. Die Idee, die Hochschule neben dem akademisch-studentischen Alltagstrott als Ort der kritischen Reflexion der Welt- und Zeitläufte zu bewahren, treibt auch diesmal hoffentlich fruchtbare Blüten. So sollen in diesem Semester mit vier fachlich ausgewiesenen Referenten erneut hochschulpolitische Brennpunkte wie auch wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Dauerbrenner ergründet werden: Halles Hochschulleitung hat vor längerem den hochschulpolitischen heißen Herbst ausgerufen – mit bisher eher mäßiger Resonanz: die Evaluation der Zielvereinbarungen zwischen Hochschulen und Landesregierung findet im Hinterzimmer statt. Doch sie kann zu wichtigen Weichenstellungen für die mittlere Zukunft führen – ein Grund, sich einmal näher mit dem Prinzip der Hochschulsteuerung durch Verträge zu beschäftigen. Im Hinterzimmer findet derzeit auch die aus Sicht vieler völlig unzureichende parlamentarische Kontrolle der deutschen Geheimdienste statt – Zeit für eine grundlegende Analyse eines kritisch Beteiligten. Seit Jahren werden Gewerkschaften immer wieder in Standortdebatten hineingezogen, ob bei drohender Werksverlagerung oder beim Wettbewerb in Hochschulrankings um die schnellsten Absolventen der schlanksten Hochschule. Ob es deshalb sinnvoll ist, eine Linie vom Eintreten für den „Standort Deutschland“ zur Liedzeile „Deutschland über alles“ zu ziehen, wird im dritten Vortrag diskutiert. Die Debatte um Evolutionslehre und Kreationismus, der wir zum Ende des Semesters auf den Grund gehen wollen, verdeutlicht, wie Glaube und Wissenschaft zu politischen Kontrahenten werden. Eine Auseinandersetzung lohnt immer.
Dipl.-Soz. Karsten König:

Hochschulsteuerung durch Zielvereinbarungen – Mit Mitbestimmung und Chancengleichheit?

15.10.08, 19 Uhr
Löwengebäude HS XIII, Universitätsplatz

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Sachsen-Anhalt war Anfang des Jahrtausends das erste ostdeutsche Bundesland, in dem mit dem so genannten „Neue Steuerungsmodell“ eine grundlegende Reform der Beziehung zwischen Staat und Hochschule eingeleitet wurde. Mit Zielvereinbarungen zwischen Kultusministerium und Fachhochschulen und einem Modell der „leistungsorientierten Mittelverteilung“ sollten Hochschulpolitik und -verwaltung effizienter gestaltet werden. Damit wurde ein Steuerungsmodell auf die Hochschulen übertragen, das in der privaten Wirtschaft entwickelt und später für die öffentliche Verwaltung angepasst worden war, dessen Bedeutung für die gesellschaftliche Rolle von Hochschulen und dessen Verknüpfung mit der akademischen Selbstverwaltung aber bis heute kaum geklärt sind. Während die Verhandlungsfähigkeit der Hochschulleitungen bisher durch den Abbau der akademischen Selbstverwaltung gesichert werden sollte, werden in ersten Studien Zweifel am Erfolg dieses Weges deutlich. Auf der anderen Seite hängt die Akzeptanz der neuen Instrumente auch davon ab, ob und wie politisch gewollte Ziele wie die Chancengleichheit von Frauen und Männern oder der Ausgleich sozialer Ungleichheiten dadurch gefördert werden können. Anlässlich der gegenwärtig beginnenden Evaluation der Zielvereinbarungen zwischen Kultusministerium und Hochschulen in Sachsen-Anhalt soll die bundesweite Diskussion vorgestellt werden. Können die Instrumente – bundesweit – den hohen Erwartungen gerecht werden und welche Perspektiven eröffnet dies für die Hochschulsteuerung in Sachsen-Anhalt? Der Vortrag stützt sich auf empirische Untersuchungen der verschiedenen Vereinbarungen zwischen Landesregierungen und Hochschulen in Deutschland, und eine Studie zur Wirkung von Zielvereinbarungen in Sachsen-Anhalt in Bezug auf das Konzept des Gender-Mainstreaming. Im Rahmen der Diskussion kann auch ein aktueller Bezug zu den Entwicklungen in Sachsen-Anhalt hergestellt werden.

ad personam:
Karsten König studierte Soziologie mit den Nebenfächern BWL, VWL und Philosophie in Bochum, Trier, und Dresden. Er war von 2000 bis 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Didaktik der Politischen Bildung an der TU Dresden und ist seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung (HoF) Wittenberg. Seine Arbeitsschwerpunkten sind externe Hochschulsteuerung, wissenschaftlicher Nachwuchs und die Professionalisierung von ErzieherInnen. Von ihm erschien 2007 die Studie Kooperation wagen. 10 Jahre Hochschulsteuerung durch vertragsförmige Vereinbarungen (HoF-Arbeitsbericht 1’07)
Wolfgang Neskovic, MdB:

Außer Kontrolle! – Geheimdienste und die Demokratie

17.11.08, 16 Uhr
Löwengebäude HS XIV a/b, Universitätsplatz

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Die deutschen Geheimdienste schweben nach Nešković, der Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) ist und zeitweilig dem BND-Untersuchungsausschuss angehörte, im rechtsfreien Raum und sind vor dem Hintergrund der derzeitigen Rechtslage nicht kontrollierbar. Die Kontrolle von etwa 10.000 Geheimdienstmitarbeitern obliegt derzeit lediglich 9 Abgeordneten. Selbst nach Bekanntwerden eines Rechtsbruches durch die Geheimdienste bleibt das PKG wirkungslos, weil ihm keine Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Das PKG, welches Nešković als „Wachhund ohne Gebiss“ bezeichnet, muss nach inzwischen fraktionsübergreifender Ansicht dringend reformiert werden: Ein von ihm erarbeiteter Gesetzesentwurf sieht unter anderem Befugnisse zur Selbstinformation der PKG-Mitglieder, das Recht zur Abgabe von öffentlichen Erklärungen, die Stärkung von Minderheitenrechten sowie personelle Unterstützung der PKG-Mitglieder vor.

ad personam:
Wolfgang Nešković ist rechtspolitischer Sprecher und Vizevorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag. Der Jurist war mehr als 20 Jahre Richter in Lübeck, davon zehn Jahre Pressesprecher des Landgerichts der Hansestadt. Zuletzt war er als Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe tätig. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte er Anfang der 1990er Jahre, als er sich für die Entkriminalisierung von Cannabis einsetzte. Sein Vorlagebeschluss führte zu dem Bundesverfassungsgerichtsurteil bezüglich der so genannten "geringen Menge". Nešković ist Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums zur Überwachung der deutschen Geheimdienste. Allerdings hält er die jetzige Form der Kontrolle für eine Placebo-Veranstaltung und völlig wirkungslos.
Dr. Benjamin Ortmeyer:

Die Macht des deutschen Nationalismus: Analysen zum Deutschlandlied und zur Rolle der Gewerkschaften

10.12.08, 19 Uhr
Löwengebäude HS XIII, Universitätsplatz

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2006 erschien zum nationalen Taumel während der Fußball-WM die Neuauflage einer 1990 von Benjamin Ortmeyer verfassten Broschüre der GEW Hessen: “Argumente gegen das Deutschlandlied“. Aus allen Richtungen der oberen Etagen hagelte es Kritik. Man wolle „uns“ den „positiven Patriotismus“ oder einfach nur „Deutschland“ vermiesen. Nach einigen Tagen unter größtem öffentlichen Druck distanzierte sich der unter massivem innergewerkschaftlichen Druck geratene Vorsitzende der GEW und „entschuldigte sich“. Diese Episode verdeutlicht zweierlei: 1. Die Geschichte des deutschen Nationalismus (einschließlich der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland) ist lang und geht tief. Das lässt sich am Beispiel der Entstehung und Wirkung, anhand der Etappen der Debatten um das Deutschlandlied gut verstehen und gut kontrovers diskutieren. 2. Auch Gewerkschaften diskutieren ihr Verhältnis zur Nation, welches historisch nicht frei von Makel ist und auch aktuell Anlass zu Debatten geben kann. Die Veranstaltung beschäftigt sich in einem ersten Teil mit der Macht des deutschen Nationalismus im Kontext des Deutschlandliedes und der Diskussion um dieses Lied seit der Entstehung bis heute. In einem zweiten Teil wird die Frage gestellt; wie Gewerkschaften heute zum Nationalismus stehen sollten und stehen.

ad personam:
Benjamin Ortmeyer ist pädagogischer Mitarbeiter an der J.-W.-Goethe-Universität in Frankfurt/M. im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Er ist Mitglied der GEW. Von ihm u.a. erschienen: Argumente gegen das Deutschlandlied (1991), Berichte gegen Vergessen und Verdrängen – Der Weg zur Schule war eine tägliche Qual (1994), Schulzeit unterm Hitlerbild (1996). Promotion in Heidelberg mit der Arbeit Schicksale jüdischer Schülerinnen und Schüler in der NS-Zeit – Leerstellen deutscher Erziehungswissenschaft?: Bundesrepublikanische Erziehungswissenschaften (1945/49–1995) und die Erforschung der nazistischen Schule (1998).1996 erhielt er den Heinz-Galinski-Preis der Jüdischen Gemeinde Berlin.
Dr. phil. Konrad Stöber:

Biologische Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube

21.01.09, 19 Uhr
Löwengebäude HS XIII, Universitätsplatz
Das spannungsgeladene Verhältnis von Naturwissenschaften und religiösem Denken zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Auseinandersetzungen zur biologischen Evolutionstheorie. Im Fokus der Auseinandersetzungen stehen zunehmend die verschiedensten Bemühungen, den Kreationismus "wissenschaftlich" zu unterlegen und zu stärkerer gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen.

ad personam:
Jahrgang 1949, Studium der Biologie und m.l. Philosophie, bis 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Arbeiten zu Fragen der Geschichte und Entwicklung der Evolutionsbiologie, heute freiberufliche Tätigkeit