Sommersemester 2004

„Anders ist der Studierplan, den sich der Brotgelehrte, anders derjenige, den der philosophische Kopf sich vorzeichnet. Jener, dem es bei seinem Fleiß einzig und allein darum zu tun ist, die Bedingungen zu erfüllen, unter denen er zu seinem Amte fähig und der Vorteile desselben teilhaftig werden kann (…) – ein solcher wird beim Eintritt in seine akademische Laufbahn keine wichtigere Angelegenheit haben, als die Wissenschaften, die er Brotstudium nennt, von allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das sorgfältigste abzusondern.“ Ein „Sklavenseele“, wer bloß an sein Einkommen denkt! Meinte Friedrich Schiller vor 214 Jahren, als in Jena etwa 770 Studenten studierten, in seiner Vorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?

Die Idee zu dieser Veranstaltungsreihe kam uns während der Proteste gegen den Hochschulabbau und das neue Landeshochschulgesetz. Über das demonstrative „Dagegen“ der Proteste hinaus wollen wir in erkenntnisreichen Diskussionen kritisch die Bildungspolitik und ihre gesamtgesellschaftliche Einbettung beleuchten. Nationale und internationale Experten geben Anregungen und stehen als Diskussionspartner zur Verfügung.
Wir sind bestrebt, möglichst viele Leute in die Diskussion einzubinden. Die Veranstaltungsreihe wird explizit keine bequeme Aneinanderreihung unterschiedlicher Frontalvorträge. Vielmehr sollen die Referenten einen (durchaus auch streitbaren) Input in das Thema geben, damit wir miteinander ins Gespräch kommen. Wir wollen die Sprachlosigkeit und die Resignation angesichts der umfassenden Veränderungen im Bildungssystem und in der Gesellschaft zu überwinden.
Dr. Peer Pasternack:

Großes Theater fürs Publikum? Hochschulreform und Öffentlichkeit

Donnerstag, 06. Mai 2004, 19 Uhr
Audimax, HS XXIII
  • Bieten Hochschulreformen tatsächliche Lösungsansätze für die finanziellen Probleme des Landeshaushalts?
  • In wie weit nimmt die Öffentlichkeit die Probleme der Hochschulen wahr? Und welche Position nimmt sie ein?
Überall in Deutschland werden Hochschulreformen vorbereitet und durchgeführt. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Richtungen dieser Hochschulreformen. 
Im Vordergrund steht gewöhnlich der Versuch von Lösungen der Haushaltsprobleme. Geben diese Reformen tatsächlich Lösungs-ansätze?

Problematisch ist die Wahr-nehmung von Hochschulen in der Öffentlichkeit.
Nach einem umfassenden Überblick durch den Referenten soll in der Veranstaltung diese Problematik diskutiert werden.

ad personam:
Dr. Peer Pasternack ist seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 
Von 2002 bis 2003 war er Staatssekretär im Kultusministerium in Berlin.
Prof. Dr. Hans-Joachim Solms:

Die Umstrukturierung der MLU

Dienstag, 18. Mai 2004, 19.00 Uhr
Löwengebäude, HS XIV
Bekannterweise hat die Landesregierung beschlossen, ab 2006 den Haushalt der Martin-Luther-Universität um 14,7 Mio € zu reduzieren. Das hat einen dramatischen Personalverlust zur Folge. 
In dieser Veranstaltung soll das Konzept 2012 des Rektorates, mit dem die Uni auf die Mittelkürzungen reagieren will, erläutert werden. 
  • Wie sollen die Fachbereiche aussehen? 
  • Was sind Großfakultäten? 
  • Welche Studiengänge fallen weg? Wie reagiert die Universität auf die neuen Gebührenregelungen? 
  • Gibt es bald flächendeckend Praktikumsgebühren?
Dr. Wolff-Dietrich Webler:

Akkreditierung und Evaluation - Qualitätsdiskussion im Bildungssystem

Montag, 07. Juni 2004, 19.00 Uhr
Löwengebäude, HS XIV a/b
Seit einigen Jahren bestimmt zunehmend eine Qualitätsdiskussion die Einführung und Bewertung neuer Studiengänge. Evaluation gehört ebenso dazu wie die Akkreditierung.
Akkreditierung wurde als ein neues Verfahren zur Qualitätssicherung von Bachelor- und Masterstudiengängen in
Deutschland eingeführt. In der Veranstaltung sollen Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Akkreditierung gegeben  werden.
Was unterscheidet Evaluation von Akkreditierung? Was ist Akkreditierung? Wie funktioniert Akkreditierung? Welche Vorgaben gibt es? Wie wird ein Studiengang akkreditierungsfähig? 
Bedeutet das Fixieren auf abprüfbare Qualitätskriterien eine Abkehr vom emanzipatorischen Bildungsideal und eine Entwissenschaftlichung des Studiums?

ad personam:
Dr. Wolff-Dietrich Webler studierte Soziologie, Geschichtswissenschaft, des Staats- und Verwaltungsrechts sowie der Pädagogik. Seit 1991 ist er geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift "Das Hochschulwesen" (Luchterhand Verlag).
Lehrgebiete: Bildungs- und Berufssoziologie; Bildungsgeschichte; Fachdidaktik der Sozialwissenschaften; Lehre, Prüfung und Beratung an Hochschulen
Forschungsschwerpunkte: Hochschulforschung, z.Z. insbesondere Evaluationsforschung; Curriculumforschung
Dr. Hans Mikosch:

Verkauft? Bildung - Handelsware oder Menschenrecht?

Mittwoch, 23. Juni 2004, 19.00 Uhr
Löwengebäude, HS XIV a/b
Die sogenannten "Reform"-Debatten bestimmen das Klima nicht nur der Hochschuleinrichtungen in Deutschland, sondern in allen Ländern der Europäischen Union. Unter dem Vorzeichen der Liberalisierung - auch des Bildungsmarktes - zieht sich der Staat mehr und mehr aus der Finanzierung der Bildungseinrichtungen des tertiären Bereiches zurück. Das macht den Weg frei für den Zugriff verschiedenster Finanzinstitutionen  auf bislang vorwiegend öffentlich bestimmte Bildungsmilliarden. Der von Politikern beschworene "Spar"-Begriff  erweist sich als Euphemismus. Nicht nur, weil nirgendwo "Erspartes" zu finden sein wird, sondern weil es sich um echte Kürzungen und Einschränkungen der erbringbaren Leistungen handelt. Wie sich diese Politik auf die österreichische Bildungslandschaft auswirkt und was die nationalen Politiken mit den internationalen Verhandlungen über das Allgemeine Abkommen zum Handel mit Dienstleistungen (GATS) in der Welthandelsorganisation (WTO) zu tun haben, soll im Mittelpunkt dieses Abends stehen.

ad personam:
Dipl.-Ing. Dr. Hans Mikosch (TU Wien/Österreich) ist Mitglied des akademischen Senates und stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals der österreichischen Universitäten (BUKO)
Dr. Andreas Keller:

Der Bologna-Prozess: Globalisierung oder Liberalisierung – Bildung verkauft oder verraten?

Montag, 28. Juni 2004, 19.00 Uhr
Löwengebäude, HS XIV a/b
Die Europäische Gemeinschaft wird größer. „Die Entstehung eines europäischen Bildungsraumes ist als Konsequenz der EU-Integration ein wünschenswerter und irreversibler Vorgang“ – so These 1 in den politischen Forderungen des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom 18./19.9.2003. Im Zentrum steht eine gesamteuropäische Studienreform, die bis 2010 abgeschlossen werden soll. 
Was sind überhaupt die wichtigsten Forderungen der Bologna-Deklaration und welche Konsequenzen hat dies für unsere Hochschulen? Oder wird diese Deklaration nur benutzt, um weitere Sparmaßnahmen zu realisieren? Wie sieht es aus mit der Forderung nach Einführung konsekutiver Studiengänge?
Der Zug zur Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat bereits ein rasantes Tempo. Sie machen bereits 15% des gesamten Studienangebotes in Deutschland aus. Findet man darin den Geist von Bologna oder den Geist des Finanzministers?
In dieser Veranstaltung soll darüber diskutiert werden, wie die sinnvolle Absicht zur Schaffung eines europäischen Hochschulraumes in Deutschland umgesetzt werden sollte und wie es bisher angegangen wurde.

ad personam:
Dr. Andreas Keller (FU Berlin/Humboldtuniversität Berlin/Charite) vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehört zu den wenigen, die wirklich wissen, was die Bologna-Deklaration beinhaltet  und welche Konsequenzen der Bologna-Prozess für unsere Hochschulen hat. In seiner Dissertation „Hochschulreform und Hochschulrevolte“ sowie in zahlreichen Publikationen entwickelte er wissenschaftspolitisch begründete Argumentationen zur  Auseinandersetzung mit dem Bologna-Prozess und den daraus folgenden neuen Studien- und Hochschulstrukturen.
Prof. Dr. Freerk Huisken:

Wissenschaft im Dienste von Staats- und Geldmacht

Dienstag, 06. Juli 2004, 19.00 Uhr
Löwengebäude, HS XIV a/b

“Es ist längst üblich, dass sich kapitalistische Unternehmen im Hochschulbereich einkaufen. Sie mieten Reklamewände, sponsern Lehrstühle, finanzieren Drittmittel, gründen Institute oder ganze Universitäten, die dann nicht nur ihren Namen tragen, sondern auch ihrer Sache dienen, und überschwemmen die Universitäten mit Werbeveranstaltungen, über die sie HQAs aus den Naturwissenschaften, aber auch aus der BWL oder Jurisprudenz abwerben. Natürlich ist das ein Skandal: Denn Wissenschaft wird auf diese Weise Zwecken unterstellt, die alle ausschließlich um Gewinn- und/oder Machtzuwachs kreisen - so fortschrittlich, weltoffen, menschenrechts- und naturverpflichtet sie sich auch darstellen mögen. Wer nun in diesem Skandal vornehmlich einen Missbrauch der Freiheit von Wissenschaft erblickt, liegt falsch. Denn der hält die im Universitätsbetrieb eingeräumte Freiheit glatt für einen Dienst des Staates an der Wissenschaft und ihren Repräsentanten, für eine Bedienung der Anliegen von Forschern und Studierenden, vielleicht gar für ein Instrument, über das der Staat die Gesellschaft „menschenfreundlicher“ gestalten möchte. Die vom bürgerlichen Staat gewährte Freiheit der Wissenschaft ist jedoch etwas anderes. Sie ist nichts als die wissenschaftsadäquate Form der Funktionalisierung der Forschung für Geld- und Staatsmacht. Die jüngste Entwicklung ist ihre logische Vollendung”

(Freerk Huisken) 


ad personam:

Prof. Dr. Freerk Huisken hat Pädagogik, Politik und Psychologie studiert. Seit 1971 ist er Professor am Lehrstuhl für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors an der Universität Bremen.